Der Orthograph: Die Reformen im Überblick
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Die Reformen von 1996 und 2004/2006 - die wichtigsten Änderungen auf einen Blick

Die Reformen sind mittlerweile fast 10 bzw. 20 Jahre her, diese Übersicht richtet sich also eher an etwas ältere Schreibende oder an historisch Interessierte. Zu wissen, dass und wie sich Rechtschreibung verändert, ist allerdings auch keinesfalls schädlich, sondern eher lehrreich und interessant. Insbesondere, wenn man weiß, dass die Reformer einst auszogen, die Schreibung zu vereinfachen, und dann sieht, wozu die Reformen zum Teil geführt haben.

Übersicht über die wichtigsten Änderungen

  1. Stammprinzip
  2. s-Laute
  3. Groß- und Kleinschreibung
    1. Substantive in festen Fügungen
    2. Tageszeiten
    3. Höflichkeitsanrede
    4. Zahlen/Zahladjektive
    5. Präposition + Adjektiv
  4. Getrennt- und Zusammenschreibung
    1. Verb + Verb
    2. Das Verb sein
    3. Partizip + Verb
    4. Adjektiv + Verb
    5. Substantiv + Verb
    6. -einander-/-wärts + Verb
    7. Rat suchend usw.
    8. Fälle mgl. Getrennt- oder Zusammenschreibung
  5. Fremdwörter
  6. Zeichensetzung
    1. Partizipialgruppen
    2. Infinitivgruppen

1 Stammprinzip

Bei Wörtern wie aufwändig/aufwendig, Bändel, behände, belämmert, einbläuen, Gämse, Gräuel, rau, Tipp, Stopp wurde die Schreibung des Wortstammes an mehrheitliche Erklärungsgewohnheiten angepasst, auch wenn diese Erklärungen nicht richtig sind. Dabei wurden auch Schreibvarianten eingeführt, die den Streit entschärfen, ob aufwendig nun von aufwenden oder Aufwand abgeleitet ist. (Mehr lesen ...)

2 s-Laute

Bei den s-Lauten gibt es im eigentlichen Sinn keine neuen Regeln, sondern eine alte Regel entfällt ersatzlos: Man muss im Wortauslaut und vor Konsonant nicht mehr statt Doppel-s ein ß schreiben. Alles andere bleibt, wie es war: Das ß lebt also weiter und steht für den stimmlosen s-Laut nach langem betontem Vokal bzw. Diphthong.

Die Konjunktion dass schreibt man zur Unterscheidung vom Artikel das mit Doppel-s, obwohl das a in beiden Fällen kurz gesprochen wird. (Mehr lesen ...)

3 Groß- und Kleinschreibung

3.1 Substantive in festen Fügungen

Auf diesem Gebiet bewegte sich viel, sodass es von manchen Fügungen innerhalb von zehn Jahren die dritte Schreibweise gibt. Im Zweifelsfalle hilft nur ein Blick in den Duden. (Mehr lesen ...)

vor 1996 nach 1996 nach 2006
bankrott gehen Bankrott gehen bankrottgehen
haltmachen Halt machen Halt machen / haltmachen
leid tun Leid tun leidtun
not tun Not tun nottun
maßhalten Maß halten Maß halten / maßhalten

3.2 Tageszeiten

In Angaben wie gestern Abend, heute Morgen, morgen Mittag schreibt man die Wörter Morgen, Mittag, Abend, Nacht groß. In der Angabe morgen früh kann früh auch großgeschrieben werden. Mann beachte aber Sätze wie Morgen muss ich sehr früh aus den Federn. (Mehr lesen ...)

3.3 Höflichkeitsanrede

Die Anrede du/ihr und alle abgeleiteten Formen wurden in Briefen bis 1996 immer großgeschrieben. Von 1996 bis 2006 war kleinzuschreiben. Seit 2006 ist die Schreibung freigestellt. (Mehr lesen ...)

3.4 Substantivierte Ordnungs- und Grundzahlen sowie unbestimmte Zahladjektive

Weisen Zahlwörter Substantivmerkmale auf, so werden sie seit 1996 in der Regel auch großgeschrieben: der Monatserste, der Erste der Läufer, als Erstes eine Pause machen, sich fürs Erste mit einer knappen Antwort begnügen, zum Ersten, zum Zweiten usw.

Das betrifft auch unbestimmte Zahladjektive wie im Einzelnen, im Übrigen, des Weiteren, im Großen und Ganzen usw. (Mehr lesen ...)

3.5 Feste Verbindungen des Typs Präposition + Adjektiv

Seit 2006 darf man eine Reihe von festen Verbindungen des Typs Präposition + Adjektiv auch großschreiben: seit/binnen/in/vor kurzem/Kurzem, bei/von weitem/Weitem. Vorher musste in diesen Fällen kleingeschrieben werden, da in diesen Verbindungen der Artikel fehlt und auch nicht eingesetzt werden kann (falsch: seit dem Kurzen), was als sicheres Indiz galt, dass es sich nicht um Substantive handelt. Jetzt reicht der Umstand, dass die Adjektive dekliniert sind, als Begründung der möglichen Großschreibung. (Mehr lesen ...)

4 Getrennt- und Zusammenschreibung

4.1 Verbindungen des Typs Verb + Verb

Die 1996 eingeführte generelle Getrenntschreibung von Verbindungen des Typs Verb + Verb wie sitzen bleiben, stecken lassen, kennen lernen, spazieren gehen vereinfachte und formalisierte einen Bereich radikal. Dieser Bereich wurde bis dahin von Regeln bestimmt, die mit Kategorien wie Gegensatz ausdrücken wollen, nur als Verstärkung empfinden, konkrete, übertragene, neue, verblasste Bedeutung haben, bedeutungsmäßig eng verbunden sein, Möglichkeit, grammatisch und inhaltlich als selbständig aufgefasst zu werden, lediglich eine Bedeutungsabschattung kennzeichnen usw. usf. operierten.

Seit 2006 darf man kennen lernen auch wieder zusammenschreiben. Das Gleiche trifft auf Verbindungen mit den Verben bleiben und lassen zu, sofern die Verbindung eine übertragene Bedeutung hat. Bei allen anderen Verben spielt die Frage der übertragenen Bedeutung keine Rolle. (Mehr lesen ...)

vor 1996 nach 1996 nach 2006
kennenlernen kennen lernen kennen lernen / kennenlernen
liegen bleiben / liegenbleiben liegen bleiben liegen bleiben / liegenbleiben
sitzen bleiben / sitzenbleiben sitzen bleiben sitzen bleiben / sitzenbleiben

4.2 Das Verb sein

Seit 1996 schreibt man alle Verbindungen mit dem Verb sein getrennt. Daran hat sich 2006 nichts geändert. (Mehr lesen ...)

4.3 Verbindungen des Typs Partizip + Verb

Seit 1996 schreibt man Partizipien generell getrennt vom folgenden Verb: rasend werden, gefangen nehmen. Es gelten dieselben Überlegungen wie bei Verbindungen des Typs Verb + Verb.

Seit 2006 dürfen diese Verbindungen im adjektivischen Gebrauch auch zusammengeschrieben werden: der gefangen genommene/gefangengenommene Umweltaktivist. (Mehr lesen ...)

4.4 Verbindungen des Typs Adjektiv + Verb

Auch in diesem Bereich wurden die Regeln 1996 stark vereinheitlicht und formalisiert: War das Adjektiv in der Verbindung Adjektiv + Verb steigerbar bzw. erweiterbar, so schrieb man getrennt, ansonsten zusammen. Unterscheidungen nach Bedeutung, Komparation, näherer Bestimmung spielten keine Rolle.

2006 wurde an dieser Stelle wieder radikal geändert. Man unterscheidet jetzt zwischen (1) Zusammensetzungen mit neuer, idiomatisierter Bedeutung, die zusammenzuschreiben sind, (2) Zusammensetzungen resultativer Prädikative, die getrennt oder zusammengeschrieben werden können und (3) dem Rest, der getrennt geschrieben werden muss. (Mehr lesen ...)

vor 1996 nach 1996 nach 2006
kleinschneiden (aber: so klein schneiden) klein schneiden, kleiner schneiden, so klein schneiden klein schneiden / kleinschneiden (aber nur: so klein schneiden)
wachrütteln wachrütteln wachrütteln / wach rütteln*
vollfüllen (aber: ganz voll füllen) voll füllen, ganz voll füllen vollfüllen (aber: ganz voll füllen)**

*wachrütteln/wach rütteln (=wecken), aber: wachrütteln (aufrütteln)

**Obwohl vollfüllen genau wie klein schneiden einen (neu eingeführten) resultativen Prädikativ darstellt, soll vollfüllen seit 2006 zusammengeschrieben werden: In K56 wird formuliert: "In Fällen wie festtreten, totschlagen oder volltanken ist die (nach den Regeln nicht ausgeschlossene) Getrenntschreibung ungebräuchlich." Nachvollziehbare Kriterien sehen anders aus. Interessant für Schule: Ist eine ungebräuchliche, aber regelkonforme Schreibung als Fehler zu bewerten?

4.5 Trennbare Zusammensetzungen aus Substantiv + Verb

Änderungen in diesem Bereich korrespondieren mit den Substantiven in festen Fügungen. Beispiele sind die schon bekannten Wörter wie eislaufen, leidtun, nottun, bankrottgehen, pleitegehen, die seit 1996 eine Reihe von verschiedenen Schreibweisen durchlaufen haben. (Mehr lesen ...)

4.6 Trennbare Zusammensetzungen auf -einander- bzw. -wärts + Verb

1996 reduzierte sich der bis dahin bestehende Wust von Regeln (Bedeutung, Betonung, bedeutungsmäßige Eigenständigkeit bis hin zur Argumentation mit Getrenntschreibung in Fällen, in denen die "Zusammenschreibung bedeutungsmäßig oder im Satzzusammenhang sinnlos wirkt".) auf eine einzige: Adverbien, insbesondere zusammengesetzte, schreibt man vom folgenden Verb getrennt.

Leider gab es auch hier 2006 einschneidende Änderungen, die zu Schreibungen führen, die weder vor noch nach 1996 galten. Hauptkriterium für die Schreibung ist jetzt die Betonung, allerdings mit nicht sehr systematischen Einschränkungen. Interessanterweise hat in diesem Bereich die Bedeutung keinen Einfluss auf die Schreibweise. (Mehr lesen ...)

vor 1996 nach 1996 nach 2006
abwärts gehen (=nach unten gehen) / abwärtsgehen (=schlechter werden) abwärts gehen abwärtsgehen
rückwärts fahren rückwärts fahren rückwärtsfahren
heimwärts fahren heimwärts fahren heimwärts fahren
auseinander setzen (=trennen) / auseinandersetzen (=erklären) auseinander setzen auseinandersetzen

4.7 Verbindungen der Typs Rat suchend

Die 1996 eingeführte Regelung systematisierte die Schreibung, in dem sie die Schreibung der zugrunde liegenden Form zum Maßstab für abgeleitete Formen machte: Rat suchen - Rat suchend usw. Dadurch wurde ein ganzes Paket von Regeln ersetzt (Bedeutung, Betonung, Komparation, Erweiterung, Dauereigenschaften, ...).

2006 wurde auch diese recht einfache Regel modifiziert: Jetzt schreibt man Verbindungen aus Substantiv, Verb, Adverb, Adjektiv oder Partikel und einem adjektivisch gebrauchten Partizip getrennt oder zusammen, wobei eine Reihe von Einschränkungen zu beachten ist. (Mehr lesen ...)

4.8 Fälle möglicher Getrennt- oder Zusammenschreibung

1996 wurde die Liste von Fügungen in adverbialer und präpositionaler Verwendung erweitert, die getrennt oder zusammengeschrieben werden können. Dazu zählt auch die Schreibung der Konjunktion sodass/so dass. (Mehr lesen ...)

5 Fremdwörter

Für eine Reihe von Fremdwörtern ist seit 1996 eine eingedeutschte Schreibvariante möglich. Wer aber den Tunfisch oder Panter nicht mag, kann wie vorher schreiben. (Mehr lesen ...)

6 Zeichensetzung

6.1 Partizipialgruppen

Die Regeln reduzierten sich 1996 auf zwei Fälle, nämlich die Partizipialgruppen als Zusatz bzw. Nachtrag und Partizipialgruppen mit hinweisendem bzw. aufnehmenden Wort. Ansonsten ist die Kommasetzung freigestellt. Das ist auch 2006 so geblieben. (Mehr lesen ...)

6.2 Infinitivgruppen

Die recht komplizierten Regeln wurden 1996 so vereinfacht, dass Kommas nur gesetzt werden mussten, wenn ein Wort auf die Infinitivgruppe hinwies. In den anderen Fällen stand es frei, ein Komma zu setzen oder nicht.

Seit 2006 muss man Kommas setzen, (1) wenn die Infinitivgruppe mit als, anstatt, außer, ohne, statt, um beginnt, (2) wenn die Infinitivgruppe von einem Substantiv abhängt und (3) wenn die Infinitivgruppe von einem Verweiswort oder einem Korrelat abhängt. Bedenkt man dann noch weitere kleine Details, so sind die Regeln wieder fast wie vor 1996. (Mehr lesen ...)